Durch die Dachfenster der ehemaligen Druckerei in Duisburg strömt das frühe Licht und taucht den Raum in warmen Schein. Die Mühle mahlt die ersten Bohnen des Tages, ein warmer Duft von frischem Kaffee liegt in der Luft. Madita schaut verträumt durch ihr eigenes Café, das Edel. In ihrer rechten Hand hält sie ihren heißen Kaffee. Die 28-jährige trinkt ihn schwarz – aus Gewohnheit, weil Alternativmilch früher überall zu teuer war. „Im Edel gibt es deshalb keinen Aufpreis für Hafermilch“, sagt sie mit einem Grinsen und streicht sich eine kupferfarbene Strähne aus dem Gesicht.
„Vieles aus dem Sortiment ist vegan“, sagt sie, während sie den ersten Kuchen des Tages anschneidet. Auch wenn sie selbst nicht mehr streng vegan lebt, weiß sie, wie selten gute, pflanzliche Alternativen sind.
Von der Vorlesung zur Vollzeit-Barista
Dabei hat alles anders angefangen. In Hamburg studiert sie Englisch und Biologie. Die Corona-Pandemie verhindert ihre Praktika und das Unisystem kommt ihr zunehmend veraltet vor. „Ich wollte erstmal was Handfestes in der Tasche haben“, sagt sie heute. Sie kehrt zurück nach Duisburg und beginnt im Café Edel zu arbeiten. Erst als Aushilfe, dann als Auszubildende. Und irgendwann die Frage: „Willst du mit einsteigen?“ Heute leitet sie das Café zusammen mit Birte Almesberger und Gaye Sevindim.
Ihre Mutter, selbst ehemalige Besitzerin mehrerer Friseursalons, konnte darüber nur schmunzeln: „Ich dachte, ich habe alles getan, damit sie nicht auch selbstständig wird.“ Als Erste der Familie ging Madita aufs Gymnasium, begann ein Studium – und entschied sich dann doch für die Praxis.
Vom Nebenjob zur Chefin – und wieder zurück hinter die Theke
Seit zwei Jahren ist sie nun offiziell in der Führungsrolle. Zuerst zögernd, fast schüchtern. „Ich konnte nicht einfach sagen: Mach das mal. Es war eher: Könntest du vielleicht…“, erzählt sie. Sie setzt auch heute noch auf weichere Töne und ein harmonisches Miteinander. „Ich glaube Madita kann gar nicht schreien“, meint Merle, die seit 2023 im Team ist. „Aber sie hat immer ein offenes Ohr für uns. Sowas ist in der Gastro nicht selbstverständlich.“
Madita erinnert sich, wie es war, selbst Azubi zu sein – mit wenig Mitsprache aber dafür viel Stress. Genau das will sie besser machen. „Jeder hat mal schwierige Tage oder weniger Lust. Dann gibt man eben, was man kann.“ Manchmal findet sie sich aber auch zu nett. „Ich habe mal jemanden eingestellt, weil ich die Person privat mochte. Das hat im Team gar nicht funktioniert. Aber aus sowas lernt man.“
Immer da, wenn’s drauf ankommt
„Sie ist eine Große Schwester durch und durch“, sagt Kollege Florian. Für Madita ist das ein Kompliment. Als Älteste von vier Geschwistern hat sie früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Sie hat sich schon immer gerne um andere gekümmert. Jetzt als Chefin ist es nicht anders: sie erstellt die Dienstpläne, hört zu, springt ein.
Im Edel überlässt Madita ihren Kolleginnen die Büroaufgaben und ist lieber mitten im Geschehen. Als Barista, Bäckerin, Gestalterin der Speisekarten – und manchmal auch Dachdeckerin. Wenn es reinregnet, klettert sie selbst aufs Dach. Reparaturen sind teuer, Fairness wichtiger. „Mir ist es wichtig, sauber zu arbeiten und mein Team fair zu bezahlen- auch wenn für mich am Monatsende etwas weniger übrigbleibt“, erklärt Madita, während sie Milch aufschäumt.
Aber auch sie braucht Pausen. Nach besonders stressigen Schichten zieht sie sich zurück – nicht ins Büro, sondern an die frische Luft mit ihrem Hund, einen vierjährigen Labradoodle namens Coffee. Manchmal ist es aber auch gar nicht so leicht, sich Pausen zu gönnen. „Es gab auch Tage, wo ich mit Fieber gearbeitet hab, weil ich keine Hilfe annehmen wollte.“ Sie sagt das ohne Stolz, eher mit einem stillen Achselzucken.
Arbeit, die oft über den Feierabend hinausgeht
Neben ihrer Wand voller Pflanzen erklärt sie, dass diese hier besser überleben als bei ihr zuhause. „Weil ich eben öfter hier bin“, sagt sie und lacht. Arbeit und Leben fließen bei ihr oft ineinander. Denn selbst wenn sie einen freien Tag hat, ist Madita meistens trotzdem da. Nur für einen Kontrollblick. Oder einen Kaffee.
Die Atmosphäre im Café ist familiär. „Komm als Gast, geh’ als Freund“, steht auf ihrer Website und nach diesem Motto führt Madita ihr Café. Eine Stammkundin sagte mal: „Wenn du an der Maschine stehst, weiß ich, der Kaffee wird gut.“ Für Madita ist das mehr als ein Lob. „Das ist die Bestätigung dafür, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe“, sagt sie mit strahlenden Augen.
Die Grenzen ihrer Work-Life-Balance verschwimmen öfter mal und ein bisschen Chaos gehört bei ihr dazu. Zahnarzttermine werden gern aufgeschoben, das DJ-Pult wartet seit Wochen auf die Reparatur und auf einem Date war sie schon länger nicht mehr. Vielleicht liegt genau darin ihr Geheimnis: in der Mischung aus Sorgfalt, Wärme und einer Prise Prokrastination.
Foto: Gina Jerosch


