Als die Welt zum ersten Mal mithörte

Vor hundert Jahren entstand der deutsche Rundfunk. Heute hat sich der mediale Mainstream auf andere Plattformen verschoben. Was bleibt?

Ob morgens beim Frühstück, auf langen und kurzen Autofahrten oder während des Kochens in der Küche: das Radio begleitete Menschen jahrzehntelang durch den Tag. Es war Quelle für Informationen und Unterhaltung, und eine Form der Kommunikation zwischen dem Staat und seinen Bürger*innen. War?

Vom Alltagsbegleiter zum unterschätzten Medium

Im Zeitalter der Social-Media-Plattformen, YouTube und Netflix könnte man denken, dass das Radio langsam aber sicher ausstirbt. Doch das wäre weit gefehlt: alleine die öffentlich-rechtlichen Angebote der ARD, wozu zum Beispiel WDR2 oder Radio Bremen gehören, erreichen laut eigenen Angaben täglich über 53 Millionen Menschen, was einer Tagesreichweite von rund 75 % der Radiohörer*innen entspricht. Damit gehört der Hörfunk zu den meistgenutzten Programmen der ARD.

Der Anfang dieser Erfolgsgeschichte wurde vor gut einem Jahrhundert, im Mai 1925 mit der Gründung der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft, gelegt. Diese sollte als Dachorganisation für regionale Rundfunksender in den Länder fungieren und dem Innenministerium unterstehen. 

Zwischen Information und Propaganda

Wenig später wurde die “Reichssendung” das erste Mal ausgestrahlt, in der die Regierung direkt zu den Bürgern sprechen konnte. Das Radio entwickelte sich schnell zu einem Massenmedium. Es war niederschwellig, erreichte alle Deutsche, unabhängig von Bildung und Herkunft. 

Als dann im Januar 1933, nach Hitlers Machtergreifung, der Volksempfänger vorgestellt wurde, ein günstigeres und leicht zu bedienendes Radio, war auch die finanzielle Schwelle für den Kauf eines Radios überwunden. Während der Diktatur durch die Nationalsozialisten wurde der Deutsche Rundfunk gleichgeschaltet und Radiosender unter die Zensur des Staates gestellt. In dieser Zeit erlebte das Radio einen anderen Verwendungszweck: die Beeinflussung der Bürger. Der Rundfunk wurde während Hitlers Diktatur zum zentralen Werkzeug für die Verbreitung der nationalsozialistischen Propaganda.

Nach dem Krieg, im Zuge der Entnazifizierung, wurden in den verschiedenen Besatzungszonen neue Radiosender etabliert. Noch unter der Aufsicht der alliierten Besatzungsmächte gingen zwischen 1948 und 1949 der Bayrische, Süddeutsche und Hessische Rundfunk sowie Radio Bremen auf Sendung. Die Einrichtung dieser Sender legte auch die Grundlage für die heutigen Rundfunkanstalten, mit ihrer ganzen Programmbreite. Kurz nach ihrer Gründung schlossen sich diese Hörfunksender 1950 zur Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland, kurz ARD, zusammen. 

Nachdem 1990 mit der Wende auch die Rundfunkanstalten der Ostzonen der ARD beitraten, stand das Organisationsmodell, welches bis heute gilt. Das Radio lebt weiter, es wird vielleicht nicht mehr über den klassischen Radioempfänger empfangen, sondern über das Handy oder das Gerät im Auto. Auch gibt es nicht mehr diese prädestinierte Zeit, in der man sich vor das Radio setzt und lauscht – diese gehört heute dem Fernseher, den Streaming-Diensten und sozialen Medien.

Orientierung in einer lauten Welt

Der mediale Mainstream hat sich verschoben. Das Radio demokratisierte Informationen; eine zentralisierte Organisationsstruktur sorgte für Verlässlichkeit. Durch den Aufstieg der soziale Medien vollzog sich ein größerer gesellschaftlicher Umschwung: Massen von Informationen, falsch von richtig kaum zu unterscheiden, fluteten den digitalen Raum. Diese Plattformen wurden gebaut, nicht um zu informieren, sondern um zu polarisieren. Der Nutzer soll so lange wie möglich auf der Plattform bleiben, dazu werden ihm unterhaltende, emotionale und polarisierende Inhalte vorgespielt. 

Wo das Radio also ein neues Zentrum schuf, erzeugt die Digitalisierung unzählige Peripherien. Es bilden sich Echo-Kammern, das Wahre kann nicht mehr vom Falschen unterschieden werden. Statt eines großen Publikumsraums entstehen tausende kleine.

Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2024 nutzen mittlerweile 93 % der 12- bis 19-Jährigen soziale Medien. Eine Entwicklung, die nicht nur daran zu erkennen ist, dass viele Jugendliche heutzutage Verschwörungstheorien und Fake-News aufsitzen, sondern auch daran, dass der generelle öffentliche Diskurs emotionaler geworden ist. Unter Jugendlichen findet sich die größte Wählergruppe von Parteien mit radikalen Ansichten. Gerade in einer solchen Zeit braucht es ein Medium wie das Radio, welches verlässlich und neutral Informationen verbreiten und eine allgemeinen Entspannung bewirken kann.

Je lauter die digitale Welt wird, desto wichtiger wird die stille Linearität des Radios. Im großen weiten Internet regieren Sensation und Emotionen, im Radio aufgeklärte Sachlichkeit. Wer als neuer Nutzer eine Social-Media-Plattform betritt, fühlt sich oft sehr schnell überfordert. Es herrscht Chaos. Tausende Stimmen versuchen gleichzeitig Meinungen, Informationen und Überzeugungen untereinander zu teilen. Vielleicht liegt darin die Stärke des Radios: eine sachliche Einordnung und Aufklärung der verschiedenen Ansichten mithilfe von Tatsachen. Das ist, was man im Informationszeitalter braucht.

Fotocredits: Unsplash, Bild bearbeitet

Justus Lang
Justus Lang

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