Die sanfte Diktatur der Vernunft

Wie die neue AppleTV-Serie "Pluribus" mit KI und Faschismus kokettiert, ist erschreckend und spannend zugleich.

Wenn man die trockenen Ebenen und die warmen Pastelltöne in der neuen Serie “Pluribus” sieht, fühlt es sich so an, als wäre die Zeit zurückgedreht.
Serienschöpfer Vince Gilligan kehrt in die Stadt zurück, in der schon der Welterfolg „Breaking Bad“ und dessen Ableger „Better Call Saul“ spielten: Albuquerque.

Und nicht nur das: Hauptdarstellerin ist Rhea Seehorn, die Schauspielerin, die schon in „Better Call Saul“ brillierte. Die Nostalgie hält sich ab da allerdings auch in Grenzen, denn in der neusten Apple-TV Original Produktion geht es nicht um rivalisierende Drogenbanden und Intrigen, sondern um eine mysteriöse Infektionskrankheit, welche die gesamte Menschheit in eine Schwarmintelligenz verwandelt hat.

Mit diesem Genrewechsel kehrt Serienschöpfer Vince Gilligan zu seinen Wurzeln zurück, denn bevor er mit Jesse Pinkman und Walther White zwei der wohl größten und legendärsten Figuren im Fernsehen erfand, war er in den 90er-Jahren lange als Drehbuchautor für die amerikanische Sci-Fi-Serie “Akte X” tätig, in der es um Außerirdische und seltsame Phänomene ging. Mit dieser Erfahrung ist es wohl kein Wunder, dass er auch in seiner neuen Serie eine Spannung zu erzeugen vermag, die den Zuschauer schon nach wenigen Minuten dazu bringt, notorisch das Fernsehgerät umklammern zu müssen und sich zu fragen was hier eigentlich los ist.

Die Handlung von “Pluribus” ist so spannend wie rätselhaft. Eine Krankheit hat die gesamte Menschheit in eine Schwarmintelligenz verwandelt, welche sich alle Gedanken, Erinnerungen und ihr gesamtes Wissen teilt. Die gesamte Menschheit? Nein, ein paar wenige blieben verschont und versuchen, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Unter diesen Individuen, die wir im Laufe der Serie weiter kennenlernen, befindet sich auch die Hauptfigur Carol (Rhea Seehorn). Eine zynische Hedonistin und dauerhaft schlecht gelaunte Fantasy-Autorin aus Albuquerque. Die Handlung dreht sich in erster Linie um Carol und ihren Umgang mit der radikal veränderten Welt. 

Für den aufmerksamen Gegenwartsbeobachter ist beim Schauen der Serie eine Sache nicht zu übersehen: die offensichtliche Anspielung auf KI. Die Serie kokettiert schon geradezu mit den aktuellen technologischen Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz. So erinnert der Ton und die Art wie die Schwarmintelligenz redet doch ziemlich an eine Persiflage des ein oder andere Sprachmodell. Man fühlt sich beim Schauen ziemlich schnell in den eigenen Alltag zurückversetzt, und erinnert an die eigenen kläglichen Versuche mit ChatGPT, Claude, Grok oder Gemini zu kommunizieren. 

Es ist nicht klar ob es sich hier um eine Utopie oder eine Dystopie handelt. Durch die Schwarmintelligenz herrscht weltweiter Frieden, es gibt keine Verbrechen und eine globale Gesundheit und Nahrungsversorgung. All dies aber zu einem immensen Preis: Individualität, Kunst, Privatsphäre; all das geht verloren. Es ist unweigerlich eine hochaktuelle Frage, die Gilligan in dieser Serie zu verarbeiten versucht. Um das vorwegzunehmen: Eine Antwort findet er nicht.

Neben KI wird noch ein anders Thema besprochen. Der Effizienzstaat dieser Schwarmintelligenz ist eine moderne Auffassung des Faschismus. Jedes einzelnes Individuum muss sich der Schwarmintelligenz, und seinen Zielen, unterordnen. Und dabei wird nicht nach Erlaubnis gebeten. Die Einverleibung durch die Schwarmintelligenz wird vielmehr als biologische Notwendigkeit behandelt. Die Serie kritisiert aber weniger eine Ideologie als eine Haltung: die Bereitschaft der Menschheit, Freiheit, Würde und Individualität zugunsten von Sicherheit, Ordnung und Funktionalität preiszugeben.

Man kann es nicht abstreiten: der Plot von “Pluribus” ist unglaublich packend. Wenn eine Frage beantwortet wird, entstehen 1000 neue. Und auch technisch ist die Serie unglaublich gut gelungen. Vince Gilligan brilliert mit gewohnt lässigen Bildern. Panoramen des amerikanischen Südwesten und einer gewaltigen Bildsprache. Aber er tut auch eine andere Sache: ausführlich die Geschichten seiner Figuren erzählen. Und das ist gar nicht so gut wie es klingt. Klar: Rhea Seehorn ist brillant in ihrer Rolle als “Carol”, und Gilligan gibt ihr viel Zeit diese auszuformulieren. Es braucht Zeit, einer Figur so eine Tiefe zu geben, wie es Gilligan bisher in seinen Serien gemacht hat. Und dazu gehört dann auch, dass man sich minutenlang anschauen muss, wie Carol Golf spielt, ohne dabei einen wirklichen Grund zu haben oder ein Ziel zu verfolgen.

Wer einen durchweg packenden Sci-Fi-Thriller erwartet ist hier falsch. Die ersten Folgen von “Pluribus” sind spannend und bilden ein Momentum, dass leider nicht beschreibend für die ganze Serie ist. Man fragt sich im Verlauf zu oft: Was passiert hier? Worum geht es gerade? Und was für ein Ziel wird hier gerade überhaupt verfolgt? Es ist kein handwerklicher Fehler und es ist auch nicht unbedingt etwas, das die Serie schlechter machen muss, im Gegenteil: die authentische Art, mit welcher Gilligan die Figuren erzählt kann etwas Großartiges sein, allerdings nicht etwas für jeden. Um sich wirklich auf “Pluribus” einzulassen, muss man Geduld mitbringen. Wenn man das aber tut, kann man sich auf eine tolle und nachdenklich stimmende Geschichte freuen.

Fotocredit: ©AppleTV

Justus Lang
Justus Lang

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