Edits & virale Sounds: Wie soziale Medien Kriminelle verharmlosen

Epstein, Hitler und Agartha. So werden Geschichtsrevisionismus, Verharmlosung und Verschwörungen auf sozialen Medien gepusht.

Von Sean „Diddy“ Combs und Jeffrey Epstein bis hin zu Stalin und Hitler – auf sozialen Medien wie TikTok und Instagram werden Tyrannei, Verbrechen und sexuelle Gewalt immer wieder verharmlost, romantisiert oder revidiert. Doch wie funktioniert das und wie kommt es, dass junge Menschen Täter*innen lustig finden?

Aus Meme-Kultur wird Romantisierung

Geschichtsrevisionismus gab es schon immer. Doch seitdem es soziale Medien gibt, schaffen es Menschen immer wieder davonzukommen. Die neue digitale Welt wird zu einer Hochburg für extreme Propaganda. Seien es Bots oder gefälschte Konten, die extremistische Symbole spammen, oder Memes, die unterbewusst Verbrechen rechtfertigen sollen. In sozialen Medien bewegen sich Extremist*innen, als wäre es ein straffreier Raum, und für manche der Tätergruppen könnte es sogar stimmen. Bots sind kaum aufzuspüren und besonders bei Fake-Accounts oder KI-Persona lassen Polizei und Staatsanwaltschaften oft Anklagen fallen, weil die Beweisgrundlage und Identität der Menschen nicht ermittelt werden können. 

Abgesehen von der Verharmlosung von extremistischen Positionen kommt es auch zur Romantisierung oder Unterhaltung durch Sounds oder gar Edits. Edits nutzen Social-Media-Nutzer*innen eigentlich, um ihre Idole aus Musik oder Fernsehen zu komplimentieren. Dabei nutzt man Ausschnitte aus Serien, Filmen oder öffentlichen Auftritten dieser berühmten Menschen und hinterlegt sie mit Musik. 

Doch was passiert, wenn dieses beliebte Format genutzt wird, um extreme Ideologien zu vermarkten? Es werden Nazi-Parolen oder sogenannte „Dog-Whitstles“, also unauffällige Kennzeichen in der rechtsextremen Szene, benutzt, rechtsextreme Politiker*innen oder bekannte Persönlichkeiten werden eingeblendet und durch den Algorithmus können die Extremist*innen kinderleicht ihre Zielgruppe erreichen: Die Jugend.

Edits & Songs: So hilft der Algorithmus den Täter*innen

Beim TikTok Algorithmus fällt man ganz einfach auf, indem man zum Beispiel virale Lieder benutzt. Dazu gehören unter anderem typische Phonk-Songs, die das gesamten Edit noch seriöser wirken lassen. Auf den ersten Blick wirkt alles harmlos, doch der Inhalt zählt: Abgesehen von großen Extremist*innen, wie Hitler oder Stalin, dessen Edits die Plattformen schon nach wenigen Minuten oder Stunden entfernen (und das auch müssen!) editieren einige TikTok-Nutzer*innen oft auch angesagte Verschwörungen wie den US-Milliardär Jeffrey Epstein, Sean „Diddy“ Combs oder auch das Phänomen „Agartha“.

Wenn wir uns die Romantisierung angucken fällt kaum einem nicht auf, wie populär Jeffrey Epstein auf TikTok ist. Nicht nur verwenden Nutzer*innen ihn als Profilbild oder machen niedliche Edits des in 2019 verstorbenen US-Milliardärs, der auf seiner Privatinsel Mengen an jungen Menschen beziehungsweise Minderjährige missbraucht hat, sondern verherrlichen ihn auch in Songs. So wurde der Song mit dem Titel „Diddy heil Epstein“ des TikTok-Nutzers @havexuniverse allein in den vergangenen Monaten über zehntausend Mal benutzt. Auch wenn der Inhalt des Songs belustigend gegenüber Epstein wirken kann, erniedrigt es tausende von Missbrauchsopfern und stellt die Taten des Sexualstraftäters als harmlos dar.

Das Phänomen „Agartha“

Agartha ist eine Verschwörung, die ursprünglich im 19. Jahrhundert von französischen Verschwörer*innen entstand. Im 20. Jahrhundert wurde aus „Agartha“ ein unterirdisches Reich, welches das verborgene, arische Weltzentrum darstelle. Durch TikTok hat diese Verschwörung – wie viele andere – ihr Zuhause gefunden. Immer noch idolisieren Jugendliche diese unterirdische Welt. Auch wenn sie innerlich nicht daran glauben und es womöglich als Meme ansehen, mit jedem Like, Kommentar oder Teilen fördern sie solche Postings.

Durch das Phänomen haben Rechtsextreme und Neo-Nazis eine perfekte Plattform, um ihren Geschichtsrevisionismus voranzutreiben. So werden in Beschreibungen von „Agartha“-Videos bewusst widerlegte geschichtsrevisionistische Aussagen wie die „6-Millionen-Lüge“ benutzt, um die jungen – vielleicht auch nichtsahnenden – Menschen für sich zu gewinnen. 

Im Hintergrund der Debatte um ein Social-Media-Verbot, so wie es in Frankreich geplant wird und Australien umgesetzt wurde, stellen diese Aspekte eine Pro-Seite dar. Schließlich möchten Menschen ihre Kinder vor den Gefahren von Propaganda schützen. Doch die Frage dahinter ist, warum kommt es überhaupt so weit? Braucht man nicht bessere Prävention, bessere Schutzrichtlinien und medienkompetente Bildung als pauschale Verbote? Die Meinung kann sich jede*r selbst bilden. Feststeht, dass verfassungsfeindliche Propaganda – auch im verdeckten Maße – weder in die Nähe der Jugend noch in die Nähe von irgendjemandem gehört. 

Fotocredits: Lorendiz Gonzales auf Pixabay

Semih Kaya
Semih Kaya

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