Im Zweifel für den Strich

Wie ein Satzzeichen Zweifel sät

Früher musste man, um des Betrugs bezichtigt zu werden, noch offen abschreiben oder mit dem Handy im Schoß erwischt werden, heute reicht ein einzelner Gedankenstrich.

Seit dem Aufstieg künstlich-intelligenter Sprachmodelle hat dieses Satzzeichen eine Karriere hingelegt, von der andere nur träumen können. Doch, wer ihn benutzt, muss sich rechtfertigen können.

„Das klingt aber sehr nach KI“, heißt es schnell in Schule oder Uni. Und gemeint ist nicht der Gedanke, sondern sein Strich. Man kann offenbar nicht mal mehr ein einzelnes Satzeichen benutzen ohne in Verdacht der unerlaubten Nutzung Künstlicher Intelligenz zu geraten.

Schon der Name suggeriert Großes: Gedanken. Strich. Als würde hier ein gut durchdachter Einschub des Kerntextes folgen. Ein echter Gedanke. Wie ironisch dann, dass ausgerechnet Maschinen ihn mit solcher Hingabe einsetzen, wobei diese ja überhaupt nicht denken können, sondern ihre Antworten auf mathematischen Rechnungen basieren.

Fragt man währenddessen eine solche KI nach dem Grund der hohen Nutzung, erhält man die Auskunft, der Gedankenstrich klinge differenziert, abwägend, gebildet und intellektuell.

Wahrscheinlich ist es auch maschinelle Effizienz; so ein Strich spart Nebensätze und kann komplizierte Satzkonstrukte vereinfachen.

Man könnte schon fast Mitleid bekommen. Jahrhunderte menschlicher Schreibkultur, und am Ende ist es ein horizontaler Strich, der die Linie zwischen Mensch und Maschine zieht.

Und das Absurde ist: Aus Angst vor dem Verdacht verzichten nun auch echte Menschen auf Gedankenstriche  und schreiben umständlicher. Sie setzen Klammern oder komplizierte Nebensätze.

Vielleicht sollten wir ihn gerade deshalb demonstrativ verwenden. Als eine Art Rückeroberung. Was so eine Maschine kann können wir schon lange. Oder wir gehen noch weiter und erklären jedes Satzzeichen für verdächtig. Wer besonders viele Kommata setzt, optimiert bestimmt heimlich. Wer kurze Sätze schreibt, nutzt vermutlich KI. Und wer gar keine Fehler macht, ist ohnehin suspekt.

Und falls Du Dich beim Lesen gefragt hast, ob hier ein Algorithmus am Werk war, kann ich Dich beruhigen: Nein. Bei der Erstellung dieser Glosse wurden keine Gedankenstriche genutzt. Nur Gedanken.

Fotocredit: das Beitragsbild wurde mithilfe von ChatGPT erstellt

Justus Lang
Justus Lang

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