Von einem geschwächten Schäferhund-Mix, dessen Überleben ungewiss ist, über eine spontane Rettungsaktion bis hin zur Vermittlung einer lebhaften Hündin: Der Alltag als Hundepflegerin im Tierschutz beim Tierheim Duisburg ist fordernd, abwechslungsreich und emotional. Hinter den Kulissen arbeiten Pflegerinnen mit Herzblut daran, Tieren in Not eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
Ein entferntes Bellen dringt durch die geschlossenen Türen des Behandlungsraums, doch drinnen herrscht konzentrierte Stille. Im Behandlungsraum liegt der siebenjährige Schäferhund-Mix Tom wie ein Häufchen Elend zwischen zwei Pflegerinnen und der Tierärztin. Seine Augen sind müde, sein Körper eingefallen, das Fell ungepflegt. „Wir wissen nicht, ob er es schafft“, sagt Svenja, eine der Pflegerinnen. Tom ist einer der neuen Beschlagnahmen. Das Tierheim entzog ihn seiner Besitzerin, da sie ihn unter schlechten Bedingungen hielt. Hier versorgen die Pflegerinnen den Hund, bis entweder die ursprüngliche Besitzerin ihn zurückbekommt oder er zur Vermittlung freigegeben wird.
Die Tierärztin Dorota kniet mit einem angespannten Gesicht neben ihm. Sie versucht vergeblich, Blut für die erste Untersuchung abzunehmen. „Natürlich ist ein ruhiger Hund angenehmer als ein wilder“, murmelt sie, während sie eine neue Kanüle vorbereitet. „Aber das hier ist kein normales Verhalten.“ Tom legt sich flach auf den Boden, jede Bewegung scheint ihm zu viel.
Angstpatienten und Maulkörbe
Der Hund danach ist das komplette Gegenteil. Svenja führt den zweieinhalbjährigen Mischling Bandit mit Maulkorb herein und empfiehlt Abstand zu halten. Der Hund wirkt mit seiner Rute zwischen den Hinterbeinen eher ängstlich als aggressiv, dennoch sollte man vorsichtig sein. „California Girls“ von Katy Perry dringt leise aus dem Radio, der Kontrast zur angespannten Situation könnte nicht größer sein. Für Svenja, die zuvor als Bürokauffrau und Daniela, die früher in einem Seniorenheim arbeitete, sind solche Behandlungen inzwischen Alltag. „Die Tiere sind einfach viel dankbarer als Menschen“, begründen die zwei ihren Berufswechsel.

Tierärztin Dorota Spoeskes rasiert ein Stück Fell am Hinterbein von ihrem Patienten Bandit, um ihm Blut abzunehmen. Tierpflegerinnen Daniela Kreuzer & Svenja Gith halten ihn.Wenig später holt Svenja den viereinhalbjährigen Staffordshire-Bulldog-Mischling Angel aus ihrem Zwinger. „Besser Vorsicht als Nachsicht“, sagt sie und befestigt den Maulkorb. Angel wirkt entspannt – bis sie die Spritze sieht. Sie springt mit weit aufgerissenen Augen vom Behandlungstisch, jault, klammert sich an Svenja und nicht einmal die Leberwust-Ablenkung funktioniert. Erst als die beiden Pflegerinnen Angel gemeinsam fixieren, gelingt die Impfung.
Ein plötzlicher Verlust und zwei verunsicherte Seelen
Um 12:30 Uhr unterbricht ein Einsatz die Routine der Pflegerinnen. Zwei kleine alte Hunde müssen spontan gesichert werden. Ihre Besitzerin erlitt auf der Arbeit einen Herzinfarkt und ist verstorben. Das Haus wirkt verlassen, aber noch lebendig: Hausschuhe stehen im Flur, Gläser auf dem Tisch, Decken liegen verstreut auf der Couch. Die beiden Hunde, zurückhaltend und verunsichert, verweigern den Gang die Treppe hinunter. „Die zwei verstehen wahrscheinlich gar nicht, was los ist, wo ihre Halterin ist, und dann riechen wir auch noch nach all den fremden Tieren“, sagt Svenja bedrückt.

Tierpflegerinnen Svenja Gith und Daniela Kreuzer mit den zwei neuen sichergestellten Mischlingen .
Zurück im Tierheim werden die beiden vorerst in Quarantäne gebracht. „Am besten wäre natürlich, wenn eine Bezugsperson sie aufnehmen könnte“, erklärt Daniela. Doch bis dahin bleibt ihre Zukunft ungewiss.
Ein mühsamer Schritt in ein neues Leben
Nach der Mittagspause hat der Neuankömmling Tom sein erstes Bad – vermutlich das Erste in seinem Leben. “Er ist zu schwach für die Wanne“, sagte Lucie, die ein Freiwilligendienst im Tierheim absolviert. „Das Risiko, dass er ausrutscht, ist zu groß.“ Stattdessen waschen Daniela und Lucie den Schäferhund-Mix vorsichtig mit einem Handbrausekopf und einem geruchsneutralen reinigenden Chlorhexidin Shampoo. Anfangs weicht er rückwärts vor dem Wasserstrahl zurück, lässt das Waschen dann aber still über sich ergehen. Zu erschöpft, um sich zu wehren. Das Duschwasser färbt sich schwarz, die Handschuhe der Pflegerinnen sind verfärbt. Statt sich auf die bereitgelegte, weiche Wolldecke zu setzen, setzt sich Tom auf den Fliesenboden. Der Föhn macht ihm selbst auf geringster Stufe Angst. „Ich wünschte, ich hätte einen Bademantel für dich“, murmelt Daniela, während sie ihn vorsichtig abtrocknet.

Tierpflegerin Daniela Kreuzer und Ehrenamtliche Mitarbeiterin Lucie Jung baden den Schäferhund Mix Tom im Vorraum der Quarantäne-Tollwut Station.
Hoffnung auf ein besseres Leben
Maya, eine lebhafte Mischlingsdame, steht erneut zur Vermittlung bereit. Ihr erster Versuch scheiterte – sie wurde zurückgebracht, weil sie nicht allein bleiben kann. Doch diesmal sieht es besser aus. Svenja hat schon eine Weile Kontakt mit einer älteren Dame, die an der zehnjährigen Hündin interessiert ist. „Ich bin auch nicht gerne allein“, sagt sie mit einem Lächeln, während sie Maya streichelt.
Um 16:30 Uhr steht die letzte Aktivität des Tages an: das Füttern. In einem kleinen Container, der nach Geflügelherzen und Hähnchenleber riecht, stehen unter flackerndem Licht Regale voller Dosen- und Trockenfutter. Während Svenja und Daniela die Näpfe befüllen, erzählen sie davon, wie es ist, sich von vermittelten Hunden zu verabschieden. „Es ist jedes Mal herzergreifend. Einerseits freut man sich, andererseits sind, umso länger die Hunde hier sind, diese einem natürlich ans Herz gewachsen,“ sagt Svenja. Daniela ergänzt: „Man sieht das ganze halt immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Letzten Endes weiß man, den Hunden geht es in einem richtigen Zuhause besser. “
Während die Hunde fressen, ist es das erste Mal an diesem Tag für wenige Sekunden ruhig. „Tierschutz ist das Schlimmste, was mir passiert ist“, sagt Svenja am Ende des Tages mit einem Lächeln. „Aber es ist das Beste, was den Tieren passieren konnte.“
Foto: Gina Jerosch



