Zwischen totaler Freiheit und unerwarteter Nähe: Auf den Spuren eines Reisetrends, der für Frauen weit mehr ist als nur Urlaub.
Der Sprung ins Ungewisse
Rebecca ist eine von vielen Frauen, die sich nach dem Abitur entscheiden, zu reisen. „Schon meine Eltern haben mir das Reisen immer nahegelegt und ich wusste früh, dass ich irgendwann die Welt entdecken möchte“, sagt die heute 21-Jährige. Um für diesen Traum genug Geld zu haben, hat sie mit 16 Jahren angefangen, in einer Bäckerei zu arbeiten. „Im Endeffekt habe ich mich so in den Kontinent Asien verliebt und bin dort festgesteckt. Mein Plan, in Australien Work & Travel zu machen, muss also noch auf sich warten“, sagt sie. Rebecca blieb 10 Monate in Asien und reiste dort durch elf Länder.
Laut Reisepsychologin Barbara Horvatits-Ebner sind die Einsamkeit und Isolation beziehungsweise die Angst davor, die Probleme, die viele vom Solo-Reisen abhalten. „Das Leben beruht auf Erwartungen: Unsere Realität ist im Prinzip nur das, was wir annehmen, was ist. Ganz viele gehen davon aus, und manchmal ist es auch tatsächlich so, dass man sich einsam fühlt, wenn man allein unterwegs ist“, so die Psychologin. Man ist getrennt von seinen geliebten Menschen und davor fürchten sich viele.

Natürlich ist es schwierig, dagegen zu argumentieren, jedoch bedeutet Alleinreisen nicht zwingend das Erleben von Einsamkeit. So richtig allein war Rebecca beispielsweise meist auch nicht. Sie lernte an jedem Ort neue Leute kennen. „Das Schönste an der Reise waren für mich definitiv die Menschen. Ich habe so viele unterschiedliche Leute kennengelernt und bis heute Kontakt zu einigen von ihnen.“ Rebecca sagt, dass viele der auf Reisen kennengelernten Freunde heute zu ihrem engsten Kreis gehören, auch wenn manche auf der anderen Seite der Welt leben. „Es ist verrückt, wie schnell man unterwegs mit Menschen zusammenwächst, wenn man gemeinsam reist und jeden Tag neue Dinge erlebt“, sagt Rebecca.
Horvatits-Ebner erklärt, dass paradoxerweise das Alleinreisen tatsächlich die Zugehörigkeit erhöht und gleichzeitig das Zugehörigkeitsgefühl befriedigt. Es fällt Solo-Travellern einfacher, neue Kontakte zu knüpfen und sich auf Menschen einzulassen als Personen, die beispielweise mit ihrer Familie oder Freunden reisen. Somit fördert das Alleinreisen die Fähigkeit auf andere zuzugehen, da man offener wird. Auch werden praktische Fähigkeiten wie Problemlösung, Planung, Navigation, Sprache und Anpassung zeitgleich trainiert.
Ausbruch aus dem Alltag
Manche Frauen entscheiden sich auch später noch mal dafür, länger allein zu reisen. So wie Kerstin. Die 29-jährige Österreicherin ist nun seit fünf Monaten in Spanien. Angefangen hat sie mit einem vierwöchigen Sprachkurs in Valencia und die letzten Monate verbrachte sie als Volunteer in verschiedenen Tierheimen in Spanien. „Es war einfach der perfekte Zeitpunkt, um zu kündigen und loszustarten: Ich war unzufrieden in meinem alten Beruf, war gerade Single und hatte einfach das Bedürfnis noch mal eine Auslandsreise zu machen“, sagt sie. Vor 10 Jahren war sie schon einmal als Au-pair in Amerika und der Gedanke, dass sie noch einmal für längere Zeit ins Ausland möchte, verließ sie nicht.
Kerstin war mit ihrem damaligen Leben nicht zufrieden und startete ihre Reise, um sich selbst besser und vielleicht sogar neu kennenzulernen. Horvatits-Ebner erklärt, dass einem Reisen dabei besonders guttun. „Dadurch, dass man seine Alltagssorgen mit Abstand betrachtet, steigert man seine kognitive Flexibilität. Es hilft bei der Selbsttransformation, denn man kann mit einem anderen Blick auf das eigene Leben schauen“, so Horvatits-Ebner. Sie spricht auch von einem Erkenntnisgewinn, der durch die Konfrontation mit neuen Situationen kommt und einer daraus resultierenden erhöhten Resilienz. Wer also eine schwierige Zeit hinter sich hat, möchte neue Orte sehen, heilsamen Abstand und Raum für Reflexion – genau diese Dinge bieten einem das Alleinreisen.
Sicherheit als Reisefaktor
Eine der größten Problematiken des Solo-Reisens, insbesondere als Frau, ist die Angst um die persönliche Sicherheit. Rebecca wusste von dem frauenspezifischen Sicherheitsrisiko, erzählt jedoch, dass sie sich als Frau überraschend sicher fühlte. „Ich war allerdings meistens an touristischen Orten unterwegs. Wenn es in ländlichere Regionen ging, war ich fast immer mit anderen Reisenden zusammen. Solange man auf sein Bauchgefühl hört und nicht völlig naiv unterwegs ist, habe ich die Erfahrung gemacht, dass man auch als Frau sehr sicher allein reisen kann.“
Obwohl sich Rebecca die meiste Zeit sicher fühlte, kennt sie auch die Schattenseiten und erlebte sie selbst in Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia. „Als blonde, blauäugige Frauen wurden wir oft angesprochen, verfolgt oder auch sexuell belästigt. Natürlich verstehe ich, dass manche Menschen neugierig sind oder ein Foto machen möchten. Aber teilweise war das Verhalten wirklich grenzüberschreitend. Dort war ich sehr froh, nicht allein unterwegs zu sein.“ Ein Einzelfall? Leider keineswegs.

„Frauen müssen ständig wachsam sein, was stressig ist. Studien zeigen, dass Frauen, die Unsicherheiten erleben, die Reise nicht so genießen können, wie sie möchten“, so die Reisepsychologin. Sie sagt, dass dies besonders in Facebook-Foren sichtbar ist. „Bin ich dort sicher als Frau? Kann ich mich dort allein am Abend frei bewegen? Wird man ständig angesprochen? Welche Airbnbs werden von Frauen statt von Männern vermietet?“ sind nur wenige der vielen Fragen, die sich Frauen vor einer Reise stellen.
Somit ist das Thema Sicherheit der größte Knackpunkt beim weiblichen Solo-Reisen. Laut einer Meta-Analyse des britischen Anbieters Condor Ferries wählen 62 Prozent der Frauen ihr Reiseziel primär nach dem Sicherheitsfaktor aus – bei der jüngeren Gen Z sind es sogar stolze 82 Prozent. Jede fünfte Solo-Reisende hat mittlerweile spezielle Sicherheits-Gadgets im Gepäck. Wie sicher ein Land für Frauen ist, zeigt auch der TUI Solo Female Travel Index, der Destinationen genau nach diesen Kriterien filtert.
Ein Markt wird weiblich
„Das wirtschaftliche Wachstum ist ein großes Thema, denn in Ländern mit viel Wohlstand reisen die Menschen mehr“, so Horvatits-Ebner. Wenn beispielsweise plötzlich mehr Chinesen verreisen, heißt es, dass es dem Land nun wirtschaftlich besser geht. Das Reisen hängt also stark mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zusammen.
Dass dieser Boom kein kurzfristiges Phänomen ist, zeigen auch die Daten der deutschen Reiseanalyse. Die Lust am Individualismus wächst kontinuierlich. Das spiegelt sich auch im Netz wider: Laut Condor Ferries haben sich die Suchanfragen für den Begriff „Solo Female Travel“ in den letzten Jahren verfünffacht. Für die Tourismusbranche ist das ein gigantischer Weckruf. Wer heute als Hostel, Camp oder Reiseanbieter überleben will, muss umdenken. Es reicht nicht mehr, einfach nur Einzelzimmer anzubieten. Es braucht funktionierende Communities, flexible Volunteer-Konzepte und schnelle Reaktionen auf Entwicklungen.
Zusätzlich spielt die Emanzipation der Frau eine bewegende Rolle. Solo-Reisen gewinnen bei Frauen besonders an Bedeutung, da Frauen im Allgemeinen heutzutage gebildeter und unabhängiger sind. Vergleicht man heutige Frauen mit den typischen Hausfrauen der 60er und 70er Jahre wird schnell deutlich, dass es für die damaligen Hausfrauen schier unmöglich war allein wegzufahren, auch da sie auf das Geld ihres Mannes angewiesen waren. Heutzutage verdienen die meisten Frauen ihr eigenes Geld, sind wirtschaftlich unabhängiger und können es sich leisten. „Was bei Männern lange normal war, gönnen sich jetzt auch die Frauen“, sagt Horvatits-Ebner.

Reisepsychologin Barbara Horvatits-Ebner, auch bekannt als @reisepsycho
Dass dieser Wandel die Realität widerspiegelt, belegen auch weltweite Marktdaten: Laut einer Studie von Grand View Research machen Frauen heute zwischen 75 und 84 Prozent der digitalen Buchungen im Solo-Reise-Segment aus. Das zeigt, dass Frauen sich dennoch aus dem typischen Rollenverständnis begeben, auch wenn sie dabei teilweise Kommentare ertragen müssen, dass sie lieber die Rolle der Frau einnehmen sollten, statt offen durch die Welt zu reisen.
Jedoch gibt es noch internationale und regionale Unterschiede. Die Expertin ergänzt: „In westlichen Gesellschaften und auch im südost-asiatischen Raum ist die Akzeptanz für das Alleinreisen hoch, während man in Afrika auf Stigmatisierung und Unverständnis trifft.“ Dort werden Solo-Reisen beinahe ins Lächerliche gezogen, auch wenn man freiwillig allein reist, bekommt man Kommentare wie „Hast du etwa niemanden?“. Dennoch brechen auch in kollektivistischen Ländern Frauen aus der Geschlechterrolle aus. Urbane Räume also beispielsweise Städte sind zudem offener für das Konzept des Alleinreisens, da es in ländlichen Gegenden oftmals zu neumodisch erscheint.
Der digitale Mutmacher
Social Media spielt eine große Rolle bei der Planung von Solo-Reisen. „Eine Frau, die sich unsicher ist, kann sich über Social Media Mut oder Inspiration holen. Es entsteht ein Ansteckungsmechanismus durch Gruppen oder einzelne Accounts. Wenn also viel Positives über das Alleinreisen berichtet wird, beeinflusst das einen schon, sodass man sich vielleicht mitreißen lässt“, sagt Horvatits-Ebner.
Wenn man vorher weiß, dass es an einem Ort viele alleinreisende Frauen gibt, gibt dies einem natürliche Sicherheit, weil man sich vor Ort vernetzen kann. Heutzutage kann man sich einfacher inspirieren, informieren, austauschen und Stigmata abbauen.
Ohne Social Media war das anders, denn auch wenn es früher Frauen gab, die es gemacht hatten, hatten sie keine Möglichkeiten, ihre Reisen in Echtzeit zu teilen. „Es wird normalisiert, was man sieht, also wenn ich sehe, dass es da ganz viele Frauen gibt, die allein reisen, dann ist das halt irgendwann normal“, sagt die Expertin. Gleichzeitig fühlt man sich durch das Posten auf Social Media weniger einsam, da man sich durch die Rückmeldung digital begleitet wird.
Rebecca hat selbst bei ihren Reisen bei der Planung Social Media genutzt. „Viele Orte habe ich über Instagram oder TikTok entdeckt. Noch wichtiger waren für mich aber die Empfehlungen von anderen Backpackern. So hat man immer die besten Geheimtipps für Local-Restaurants oder Viewpoints bekommen“, sagt Rebecca. Gleichzeitig kritisiert sie, dass viele Orte zu sehr gehyped werden und Erwartungen entstehen, die nicht erfüllt werden können. Kerstin hingegen wählte ihre Ziele anolog und hat sich nicht von Social Media beeinflussen lassen. „Meine Reiseziele habe ich durch vorherige Erfahrungen oder Empfehlungen von Bekannten gefunden“, so die Alleinreisende.

Ob digital inspiriert wie Rebecca oder rein analog und intuitiv wie Kerstin: Der Trend zum Alleingang wird sich so schnell nicht umkehren. Im Gegenteil. Solo-Reisen ist längst kein vorübergehendes Phänomen mehr, sondern die logische Konsequenz einer Gesellschaft, die Individualität und weibliche Unabhängigkeit feiert. Die Zahlen und Prognosen der Tourismusbranche zeigen deutlich, dass dieser Drang nach Unabhängigkeit weiterwachsen wird.
Wer gelernt hat, sich auf sich selbst zu verlassen, verliert die Angst vor dem Ungewissen. Wenn der ursprüngliche Plan scheitert, fängt das eigentliche Abenteuer meistens erst an. Und am Ende wartet die Erkenntnis, dass man – egal wo auf der Welt – niemals wirklich ganz allein ist.




